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Stellungnahme zur Debatte um Flucht und Einwanderung

Stellungnahme des Instituts für Ethnologie der Universität Freiburg zur Debatte um Flucht und Einwanderung

Als wissenschaftliches Institut, welches sich mit der Vielfalt menschlicher Kulturen auseinandersetzt, bringen wir in Anbetracht der derzeitigen Debatte in Deutschland und Europa zum Ausdruck, dass wir uns für eine offene und gastfreundliche Gesellschaft aussprechen. Wir ermutigen dazu, Menschen aus anderen Weltregionen nicht mit Angst und Ablehnung, sondern mit Neugierde und Offenheit zu begenen. Wir sind davon überzeigt, dass kulturelle Kontakten und Austausch eine Chnace zur persönlichen und gesellschaftlichen Bereicherung darstellen. Das institut wünscht sich einen unbürokratischen Umgang mit Menschen in Not und ein langfristiges Engagement für eine solidarische Gesellschaft.

 

Europa war schon lange ein Kontinent der Migration und Einwanderung. Unsere Gesellschaft hat es immer wieder geschafft, die Ankunft außergewöhnlich hoher Zahlen von Zugewanderten einzubinden und sich dadurch positiv zu verändern (siehe hierzu die Stellungnahme des Arbeitskreises Außereuropäische Geschichte des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands).


Wir sehen die Ankunft so vieler Geflüchteter in Deutschland als eine Verpflichtung für unsere Gesellschaft und für unser Fach. Die Ethnologie ist in besonderer Weise geeignet und verpflichtet, manche derzeit populären Diskurse zu „Kultur“ (oder gar „Kulturkreisen“ – ein völlig anachronistischer Begriff), Religion und „Fremdheit“ in Frage zu stellen. Soziale Differenzen und Ungleichheiten lassen sich nicht kulturalisieren. In einer Welt der inter- wie intrakulturellen Vielfalt dienen Konstruktionen und Festschreibungen des Fremden oft in erster Linie der Selbstvergewisserung. Sie beruhen selten auf nahen Begegnungen, Erfahrungen und Interaktionen mit konkreten Menschen.


Solche nahen Begegnungen stehen im Mittelpunkt ethnologischer Methoden. Wir erleben in der eigenen Forschung ständig, wie in Begegnungen Interesse wächst, Gewissheiten aufbrechen und Zuschreibungen an „fremde Kulturen“ in Frage gestellt werden. Gerade im Kontext der Migration lässt sich Handeln selten durch die Herkunftskultur erklären; die soziale Situation der Migrantinnen und Migranten und vor allem die Reaktion der Aufnahmegesellschaft auf sie sind oft viel prägender für die Rolle, die sie am neuen Ort einnehmen können, als ihre kulturelle Herkunft.
Solche Zusammenhänge werden an unserem Institut in vielen Projekten untersucht (siehe unten für eine Übersicht).


Aus diesen Projekten ergeben sich auch konkrete Vorstellungen für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Flucht und Migration. Wir sehen  allzu oft Forschungen, in denen Geflohene eher die Rolle von Untersuchungsmaterial spielen als zu gleichberechtigten Partnern zu werden. Das ist nicht nur ethisch problematisch, sondern führt unserer Überzeugung nach auch zu schlechten Ergebnissen.


Die Ethnologie eignet sich in besonderem Maße dafür, unterschiedliche Denk- und Handlungsweisen aufeinander zu beziehen und zueinander sprechen zu lassen. Dafür wird zunehmend mehr in (interdisziplinären) Teams gearbeitet und mit kollaborativen Methoden experimentiert. Zugleich erweisen sich die klassischen Herangehensweisen des Faches – allen voran die teilnehmende Beobachtung – als überaus geeignet, um neue Forschungsfelder zu erkunden, zu verstehen und verständlich zu machen. In diesem Zusammenhang freuen wir uns sehr über ein Angebot aus dem Regierungspräsidium Freiburg, das Studierende unseres Instituts willkommen heißt, über einen längeren Zeitraum in Erstaufnahmestellen für Flüchtlinge zu leben. Aus der Teilnahme am Alltagsleben in einer Erstaufnahmestelle könnten beispielsweise Rückschlüsse dazu gezogen werden, inwiefern nicht die kulturellen Unterschiede, sondern die Art der Unterbringung aktuelle Spannungen produziert.


Am Freiburger Ethnologie-Institut haben wir seit nunmehr zwölf Jahren beste Erfahrungen mit reziproken Forschungen gemacht. In deutsch-indonesischer Zusammenarbeit wird abwechselnd in beiden Ländern geforscht. Jedes zweite Jahr forschen indonesische Studierende, gemeinsam mit ihren hiesigen PartnerInnen, über ausgewählte kulturelle Aspekte in Freiburg. Dies ist im vorliegenden Zusammenhang deshalb erwähnenswert, weil es uns immer wieder zeigt, wie spannend und erhellend die Fragen und Perspektiven unserer Gäste sind.


Die in den letzten Monaten Angekommenen sind jedoch nicht nur Gäste, sondern Menschen, die bleiben möchten bzw. müssen. Umso wichtiger ist es, gegenseitiges Kennenlernen zu ermöglichen. Dazu gehört sicher die Vermittlung jener demokratischen Werte, die eine offene Gesellschaft ermöglichen. Die Geltung solcher Werte muss aber auch bei uns immer wieder neu errungen werden, und sie setzt einen ernsthaften und ausdauernden Dialog voraus. In diesem Dialog müssen wir auch bereit sein, Andere zu verstehen und eine Vorstellung von ihren Sichtweisen auf die hiesige Welt zu bekommen. Nur so kann tatsächlich ein Zusammenleben gelingen, das die kategorialen Grenzen zwischen „uns“ und „ihnen“ nicht immer neu bestätigt. An deren Stelle wäre eine soziale Welt zu entwickeln, welche alle unterschiedlichen Akteure mit-produzieren – und Forschungen, an denen alle beteiligt sind.



Forschungsprojekte am Institut für Ethnologie zu Flucht, Migration und Kulturalisierungen


•    Syrische Flüchtlinge im Libanon
Die Situation syrischer Flüchtlinge und ExilantInnen im Libanon stellt sich als deutlich prekärer dar als die jener, die es bis nach Deutschland geschafft haben. Das kleine Land verfügt über sehr begrenzte Ressourcen und hat bei einer Einwohnerzahl von etwa viereinhalb Millionen weit über eine Million vor Krieg und Verfolgung geflohener SyrerInnen aufgenommen. Die Lebenssituation der meisten SyrerInnen im Libanon ist von Unsicherheit geprägt. In Bezug auf die Vergangenheit sind alte Gewissheiten zerbrochen, die gegenwärtige Lage ist meist prekär und der Aufbau einer persönlichen Zukunft im Libanon schwer vorstellbar, von vielen wird der Libanon als eine Art Zwischenstation wahrgenommen. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen sind von sich durch Krieg, Flucht und Exil verändernden Selbstbildern, Identitäten und Zuschreibungen geprägt. Fiona Pfeiffer untersucht in ihrer Dissertation transnationale soziale Beziehungen unter syrischen Migrant*innen in diesem Kontext.

•    Zugang zu Rechten im Kontext von Migration und Flucht in Brasilien
In bürokratischen Abläufen lässt sich die häufig arbiträre Unterscheidung zwischen Flüchtenden und MigrantInnen besonders gut feststellen. Heike Drotbohms Forschung in Brasilien untersucht den Zugang von Zugewanderten zu kulturellen, sozialen und ökonomischen Rechten und bemüht sich darum, sowohl die Perspektive der MitarbeiterInnen in humanitären Einrichtungen als auch die der neu Zugewanderten auf die gleichen Abläufe einzubeziehen.

•    Die sozialen Folgen von Abschiebungen in den Herkunftsländern
Abschiebung von abgelehnten AsylbewerberInnen oder nicht dokumentierten bzw. illegalisierten MigrantInnen wird häufig als ein legitimer Ausdruck staatlicher Souveränität angesehen. Heike Drotbohms Forschung befasst sich mit den sozialen Folgen von Abschiebungen für die Herkunftsgesellschaften und konzentriert sich dabei vor allem auf die Ebene der Familien, die eigentlich auf die Migration ihrer Angehörigen angewiesen sind und die mit der erzwungenen Rückkehr der MigrantInnen umgehen müssen. Es zeigt sich, dass Abschiebungen das soziale Gefüge in den Herkunftsländern erheblich stören und dass dadurch immer wieder neue Motive und Notwendigkeiten für Abwanderung geschaffen werden.

•    Bilder „des Westens“ bzw. der „arabischen Welt“ in Indonesien
Unter der Leitung von Judith Schlehe werden diverse Projekte durchgeführt, die sich mit Konstruktionen von Fremd- und Selbstbildern beschäftigen. Durch eine differenzierte Betrachtung der ambivalenten Stereotype „des Westens“ oder „der arabischen Kultur“ zeigt sich, dass die Identifizierung mit oder die Abgrenzung von Kulturen, die als fremd wahrgenommen werden, vom jeweiligen historischen, politischen und sozio-ökonomischen Kontext abhängen. Abgesehen von diesen allgemeinen Erkenntnissen zu Differenzkonstruktionen lässt sich in diesen Forschungen vor allem viel über das gegenwärtige Indonesien lernen – und darüber, dass in diesem Land mit weit über 200 Millionen Muslimen um Formen des Islam gerungen wird, die in einem deutlichen Kontrast zu denjenigen des Nahen Ostens stehen und die den Menschen hierzulande, die von „dem Islam“ sprechen, völlig unbekannt sind. Wir wünschen uns, dass entsprechende Forschungen in nächster Zeit auch in Deutschland stattfinden können, um eine kritische Auseinandersetzung mit populären und populistischen Fremdheitsdiskursen zu stimulieren.

•    Grenzen und ihre Rolle
Der Begriff der Migration setzt Grenzen voraus und bestätigt gleichzeitig immer neu ihre Geltung. Staatsgrenzen entscheiden darüber, wer als Migrant*in angesehen wird, und legen fest, welche Gruppe von Menschen über Aufnahme oder Abschiebung von Neuankömmlingen entscheiden darf. Der Zusammenhang von staatlicher Souveränität, Grenzregimen und sozialem Handeln steht im Mittelpunkt mehrerer von Gregor Dobler geleiteter langfristiger Forschungsprojekte. Im Mittelpunkt der empirischen Forschungen stehen dabei meist Grenzregionen in Afrika; aber durch die Veränderung europäischer Grenzregime geraten die Grenzen zwischen Afrika und Europa und ihre Funktion für die Illegalisierung von Migration schon in Afrika dabei immer stärker in den Blick. 

•    Chinesische Migranten in Afrika
Die ökonomische Rolle von Migrantenunternehmer*innen ist in den Sozialwissenschaften schon lange untersucht worden. Viele Autor*innen gehen davon aus, dass ethnisch organisierte Netzwerke Vertrauen fördern und Migrant*innen erfolgreicheres ökonomisches Handeln ermöglichen. Gregor Dobler hat für chinesische Migrant*innen in Namibia gezeigt, dass Herkunft sich nicht automatisch in ökonomische Netzwerke umsetzt. Bei ihrer Ankunft haben die Händler*innen wenig mit einander gemeinsam und sehen einander als Konkurent*innen. Erst die Reaktion der Aufnahmegesellschaft macht sie zu einer unterscheidbaren Gruppe. Diejenigen, die besser mit der Aufnahmegesellschaft vernetzt sind, werden ihrerseits zu Mittelsmännern (und –frauen) für neue Migrant*innen. Es ist also die Art der Integration in die Aufnahmegesellschaft, die Neuankömmlinge zu einer unterscheidbaren und in sich vernetzten Gruppe macht. Dabei entstehen gleichzeitig Gruppengrenzen und selektive Verbindungen zur Aufnahmegesellschaft – und gerade dadurch neue Hierarchien in der Gruppe der Migrant*innen. Die Vergesellschaftung als separate, in sich strukturierte Gruppe ist eine Folge der Reaktion der Aufnahmegesellschaft, nicht ihre Voraussetzung.

•    Lehrprojekt „MentorMigration“ – in Kooperation mit der Stadt Freiburg und Freiburger Grundschulen
Seit dem Wintersemester 2012/2013 beteiligt sich das Institut für Ethnologie am „MentorMigration-Projekt“ der Stadt Freiburg, das seit 2007 durchgeführt wird und seit 2009 auch unter dem Namen S-A-L-A-M (Spielen – Austauschen – Lernen – Achtsam – Miteinander) bekannt ist. Im Rahmen eines begleitenden Seminars betreuen Studierende über acht Monate hinweg ein Grundschulkind und gestalten zusammen mit diesem unterschiedliche Freizeitaktivitäten. Da viele der SchülerInnen über einen Migrationshintergrund verfügen, stehen in der parallel stattfinden Lehrveranstaltung Fragen der interkulturellen Pädagogik, des Kulturbegriffs und der Migration im Vordergrund; die theoretischen Diskussionen im Seminar werden ergänzt durch Gespräche mit ExpertInnen, die im Bereich Pädagogik und Migration tätig sind.

•    Sprache und Begegnung: Sprachkurs für Flüchtlinge am Institut für Ethnologie im WS 2015/16
Barbara Szudarek organisierte am Institut einen Sprachkurs für Flüchtlinge, der von Studierenden begleitet wurde. Der Kurs fand als AG statt. Dieses Projekt bot, wie das SALAM-Projekt, die Möglichkeit, praktische interkulturelle Erfahrungen zu sammeln. Es sollte über die reine Sprachvermittlung hinaus ein interkultureller Begegnungs- und Austauschort für beide Seiten sein. Die Studierenden bildeten mit den Deutschlernenden Tandems. Es wurden Formen des Umgangs entwickelt, bei denen beide Seiten neue Kompetenzen erwarben. Flüchtlinge lernten nicht nur Deutsch, sondern bekamen einen ersten Zugang zur Universität, zu deutschen jungen Erwachsenen und ein flexibles, an ihren Bedürfnissen orientiertes Angebot von gemeinsamen Aktivitäten, wodurch sie sich neue Aktionsfelder in Freiburg erschließen konnten.

•    Hauptseminar im Wintersemester 2016/17
Unter Leitung von Judith Schlehe hat im WS ein Seminar mit dem Titel “On the move: refugees, migrants, travellers” stattgefunden.

Students had the possibility to contribute to fieldwork projects in collaboration with visiting Indonesian students who intended to conduct research exercises with refugees in Freiburg. Anthropologists are working on mobilities and displacement along various thematic and conceptual lines. Notions of mobility are marked by class, gender, religion, ethnicity and culture. Involuntary or forced movements as well as all other forms of mobilities are imbued with cultural meanings and imaginaries that need to be analysed in the contexts in which they occur. This seminar intended to explore the categorization and practice as refugee, migrant and traveller, and juxtapose narratives, ideas and experiences of mobilities by grounding them in selected case studies from all over the world. The seminar was combined with an interdisciplinary lecture series on “Mobilitäten: Flucht, Migration, Reisen” organized by the “Gesellschaft für Geographie und Ethnologie”.

•    Tandem-Seminar SoSe 2017
Rosaly Magg, Ethnologin und Mitarbeiterin im iz3w (Informationszentrum 3. Welt) leitete gemeinsam mit Saskia Walther das Seminar „Gender, Migration & Flucht. Der schwierige Umgang mit Differenz und die Verbindung von Ethnizität, Identität und Geschlecht“. In dem Seminar wurden aktuelle Debatten um das Thema Flucht und Migration im Hinblick auf eine Genderperspektive kritisch diskutiert. Dabei wurden sowohl die Gründe für transnationale Migration als auch die Lebenssituation von MigrantInnen als geschlechtsspezifische Prozesse diskutiert, die geprägt sind durch multiple symbolische Ordnungen von Geschlechterbildern sowie durch die realen Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen sowie innerhalb verschiedener Gruppen. Besonderes Augenmerk wurde auf die Prozesse der Ethnifizierung und Kulturalisierung gelegt, durch die soziale Ungleichheiten (re-)produziert und manifestiert werden. Insbesondere entlang der Kategorie Geschlecht fungieren diese Mechanismen zur Herstellung von hierarchischen Verhältnissen. Im Seminar wurden aktuelle Debatten und konkrete Beispiele, wie die Vorkommnisse der Kölner Silversternacht oder die Feminisierung der (Arbeits-)migration, Migrantinnen in der Hausarbeit oder der Kopftuchdebatte in Europa, medienkritisch beleuchtet und in Bezug zu theoretischen Konzepten der Postcolonial und Cultural Studies, der Intersektionalität, Männerforschung sowie feministischen Grundlagenbegriffen diskutiert. 

 

 

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