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Visual Anthropology im Sommersemester 2022

Ein Überblick über das Einführungsseminar zur 'Visual Anthropology' im Sommersemester 2022, das von einer studentisch-organisierten Gruppe gestaltet wurde. Das Ziel war einen Einblick in dieses Forschungsfeld zu bekommen.

Seminar im Sommersemester 2022 zu 'Visual Anthropology'

Im Sommersemester 2022 haben wir als studentisch-organisierte Gruppe ein Einführungsseminar zur Visuellen Anthropologie mit dem Fokus auf die Fragestellung: "Wie macht man einen ethnologischen Film?" organisert. Das Ziel des Seminars war es, einen Einblick in das Feld der Visuellen Anthropologie zu bekommen, welches sonst nicht an unserem Institut angeboten wird.

Anna hatte im Sommer 2021 einen Antrag an das SVB Gremium gestellt, mit dem Anliegen dieses Seminar zu gestalten und mit noch nicht der geringsten Ahnung, was daraus entstehen würde. Als dieser Antrag mit den entsprechenden Geldern genehmigt wurde, hieß es also, in die Planung zu gehen. Im November hat sich dann eine kleine Gruppe aus fünf Menschen gebildet, die Lust hatten dieses Projekt anzugehen. Da es für uns alle das erste Mal war, innerhalb der Uni-Strukturen ein solches Projekt selbstständig zu organiseiren, kamen viele Fragen auf uns zu. Wie kommt man in Kontakt mit Menschen, die in diesem Breich arbeiten und bietet ihnen an, zusammen dieses Seminar zu gestalten? Wie konzipiert man ein solches Seminar? Welche organisatorischen Punkte (Räume, HiSinOne-Ausschreibung etc.) müssen beachtet werden? Durch den Kontakt mit Thomas John, welcher den Masterstudiengang zur Visuellen Anthropologie in Münster leitet, haben wir schnell gemerkt, dass die Szene weltweit sehr vernetzt ist und viele Menschen untereinander schon einmal zusammengearbeitet haben oder sich ab und zu auf Filmfestivals treffen. Das hat es uns erleichtert Fuß zu fassen. Nach sehr interessanten und verschiedenen Zoom-Meetings mit potenziellen Dozierenden haben wir drei wunderbare Personen der Universität Münster gefunden: Nada Zraidi und Arjunaraj Natarajan, zwie Masterstudierende, sowie Thomas John.

Durch die unterschiedlichen Wohnorte haben wir uns gemeinsam für ein vier-tägiges Blockseminar entschieden, welches die Grundlagen der visuellen Anthropologie vermitteln und einen Einblick in die Materie schaffen sollte. Daran anschließend haben sich die Teilnehmenden in Kleingruppen aufgeteilt und ihr eigenes Filmprojekt unter der Betreuung der Dozierenden umgesetzt. Um auch den Charakter des studentisch-organisierten Seminars zu wahren, haben wir uns alle als studentische Gruppe bereichts vor dem Blockseminar getroffen. Wir haben gemeinsam gebrainstormt, welche Themen uns hinsichtlich unserer eigenen Filmprojekte interssieren. Mit der Unterstützung von Nora Duchene vom Freiburger Filmforum haben wir diese Ideen versucht weiterzuentwickeln und in kleine Film-Pitches zu verfassen. In Kooperation mit dem Medienzentrum der Universität Freiburg haben wir sowohl einen Einfühurngskurs zu Kameraführung als auch zum Videoschnitt bekommen. Schon durch das Brainstorming mit ineressierten Studierenden und dann natürlich mit den Dozierenden kristallisierten sich Hauptfragen heraus, die wir in diesem Seminar untersuchen wollten:

- (Wie) Kann ethnologischer Film als empirische Methode angewendet werden?

- Wie kann man einen ethnologischen Film produzieren, der in enger Zusammenarbeit mit den beteiligten Protagonist*innen entsteht und sie sich in der Darstellung repräsentiert fühlen?

In Anbetracht dessen, haben wir uns mit den Fragen der Repräsentierbarkeit, dekoloniale Methoden, der eigenen Positioniertheit und der partizipativen sowie kollaborativen Ansätzen der gegenwärtigen Visuellen Anthropologie kritisch auseinandergesetzt.

Nach unseren intensiven Vorbeireitungen war es auch schon so weit, sich in den zugewiesenen Räumlichkeiten zu treffen, sich kennenzulernen und vier Tage gemeinsam zu gestalten. Nach einer kurzen Einführung in die Grundlagen der Visuellen Anthropologie durch Thomas und ein paar interaktiven Übungen haben wir unsere eigenen Film-Pitches besprochen. Ein Film-Pitch ist ein Dokument, welches geschrieben wird, bevor die Arbeit am eigentlichen Film beginnt. Dabei wird die Filmidee erläutert, mit welchen Menschen der Film gemeinsam entstehen wird, sowie welche Rolle die eigene Motivation und Positionalität spielen. Schon hier zeigten sich unterschiedlichste Ideen und Konzepte, die im Laufe des ganzen Seminars tiefgehend betrachtet und konstruktiv gegenseitig kitisiert wurden, und sich bis zum Ende hin auch noch veränderten.

In den folgenden Tagen gab uns Arjun eine Einführung in 'decolonial filmmaking', soweit dies eben möglich ist, in einem so kurzen Zeitraum ein so großes, komplexes und strukturell greifendes Konzept (als auch die dazugehörige Praxis) zu beleuchten. Nada führte uns in die 'sensory anthopology' ein, was auch einer ihrer Schwerpunkte darstellt. Hier geht es um Körperlichkeit, um eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Sinnen, als auch das Hineinversetzen in die Person, die einen Film schaut und was für Sinne und Reaktionen dort hervorgerufen weden. Es geht bei 'sensory' als auch bei 'decolonial filmmaking' viel um Gefühle und eine kritische Perspektive auf das, was diese Emotionen hervorruft, welche Strukturen und Positionen in der Welt zu diesen Emotionen beitragen und auch welches Potenzial sie in Veränderungsprozessen haben.

Da visuelle Anthropologie und ethnologischer Film an sich schon eine andere Art von Wissensproduktion sind und in den Augen klassischer akademischer Wissensproduktion vielleicht nicht einen bestimmten hegemonialen Anspruch oder eine vorbestimmte Form erfüllen, war eine Auseinandersetzung damit auch ein großer Teil des Seminars. Film kann als Vermittlungsort dienen und durch kulturwissenschaftliche Ansätze dieverse Lebensrealitäten - im besten Fall  - verantwortungsbewusst darzustellen.Dadurch können gesellschaftlich verfestigte, normativ etablierte Vorstellungen um alternative Perspektiven ergänzt und pluralisiert werden. Es wird deutlich: Durch eine sensible Porduktion des ethnologischen Films kann der Öffentlichkeit vermittelt werden, dass es so viele Realitäten gibt, wie es Individuen gibt. Deswegen ist die heteronomative, weiße Perspektive, welche akadamische Wissensproduktion maßgeblich bestimmt und beeinflusst, nur eine mächtige Alternative, und muss besonders auch im Film als norm-bestimmende Regel kritisch hinterfragt werden.

In unserem Seminar begaben wir uns in diese Auseinandersetzung: Das, was wir in den Strukturen der Universität an Wissensprodultion gwohnt waren, mit den alternativen Wissensformen und Mitteln, dieses Wissen auszudrücken und zu zeigen, zu konfrontieren. Bei dieser Konfrontation und der emotionalen Reise, auf die wir uns begeben hatten, kam es auch zu unangenehmen Situationen, die wir aushalten mussten. Die Reflexion, dass wir ein überwiegend weißes Seminar waren und meistens in unserem Institut sind, dass es kritisch ist, diese Räume als 'safe space' für weiße Menschen aufrechtzuerhalten während nicht-weiße Menschen dadurch Diskriminierung und Unterdrückung aushalten müssen, hat den ihr zustehenden Raum einnehmen können. Es war, ist und bleibt wichtig, solche bestehenden Dynamiken und Machtstrukturen anzusprechen, zu kritisieren und auch unbequeme Realisationen auszuhalten. Sich hinter Buzzwords wie 'decolonial', 'anti-rassistisch' oder 'white privilege' und akademischen Texten zu verstecken, reicht nicht aus.

Diese Gefühle und Prozesse begleiten uns immer noch, und haben uns auch direkt nach dem Seminar weiter in unserem eigenen Filmprojekt beschäftigt. Wir waren sehr motiviert, aber auch etwas eingeschüchtert, nun selbst einen Film zu kreieren. Das Blockseminar half uns aber auch zu erkennen, dass es viel mehr um den eigenen und generellen Prozess des Films geht. Die Fragen, für wen wir diesen Film machen, was wir dabei lernen und warum wir ihn gestalten, begleiteten uns bis zum fertigen Projekt und darüber hinaus. Die drei Wochen nach dem Seminar wurden sehr intensiv für die eigene Arbeit am Film genutzt. Mit der Unterstützung des Medienzentrums, die uns ihre Materialien und den Schnittraum zur Verfügung stellten, konnten wir unsere Projekte umsetzen.

Auch unsere Filme im Kommunalen Kino vor einem ausgewählten Publikum zu zeigen, stellte uns noch einmal vor Herausforderungen. Die selbstproduzierten Filme, die nach der intensiven Auseinandersetzung sehr persönlich für uns geworden sind, teilweise fremden Menschen zu zeigen, war nicht einfach. Es war aber auch unglaublich spannend zu merken, welche unterschiedlichen Assoziationen und Emotionen die Menschen hatten, wie die Bilder plötzlich anders auf einer Leinwand wirken und wie die Zusammensetzung des Publikums auch immer eine Auswirkung auf die unterschiedlichen Wahrnehmungen hat.

Wir möchten uns ganz herzlich bei allen Menschen bedanken, die dieses Seminar mitgestaltet haben. Bei Nada, Arjun und Thomas. Bei Frau Dr. Brüll, die uns mit der ganzen Organisation unterstützt hat. Bei Herrn Prof. Dr. Dobler, der sich als Kontaktperson vom Institut bereit erklärt hat. Beim Medienzentrum. Bei Nora. Beim Freiburger Filmforum. Bei allen Teilnehmenden. Es war ein Seminar, das uns auf jeden Fall in Erinnerung bleiben wird und uns gezeigt hat, dass es möglich ist auch in den sehr verfestigten universitären Strukturen selbst etwas auf die Beine zu stellen und diese harten Strukturen aufzubrechen! Darüber hinaus sind wir sehr gespannt, wie sich das Projekt wieterentwickeln wird.

 

Anna Wessely, Vera Hanna-Wildfang, Samuel Frankenberg, Shalima Kerdouci & Paula-Marie Aigner