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Lehrforschung in Freiburg 2005

Die Erprobung grundlegend neuer Strukturen ethnologischer Feldforschung, Methodenlehre und interkultureller Zusammenarbeit wurde im Jahr 2005 fortgesetzt. „Forschen mit“ statt „Forschen über“ wurde konsequent verwirklicht und zugleich bewusst vermischt und gebrochen, indem lokale und fremde Forschende zusammen arbeiteten und ihre Rollen mehrfach vertauschten. Dies nahm bereits in der ersten Projektphase 2004 in Indonesien seinen Anfang im Rahmen der interkulturellen Forschungsthemen, welche die Trennung zwischen „vertraut/eigen“ und „fremd“ zuweilen aufhoben (s.o.). Besonders wichtig war dann aber die Chance, im Jahr 2005 die Blickrichtung zu wenden und auch die deutsche Kultur zum Thema ethnologischer Studien zu machen. In beiden Fällen erwies das Tandemmodell sich als ungemein bereichernd, weil es lokales Wissen und den fremden Blick miteinander verband.

Mit Unterstützung der Stiftung Mercator wurden im Jahr 2005 sechs Ethnologiestudentinnen und –studenten der Gadjah Mada Universität, Yogyakarta, und ein Dozent für vier Wochen nach Freiburg eingeladen, um hier Feldforschung zu ausgewählten Aspekten deutscher Kultur durchzuführen. Sie wurden begleitet von ihren deutschen TandempartnerInnen aus dem Vorjahr und von denjenigen, die vorhatten, im nächsten Jahr im Rahmen des Lehrforschungsprojektes nach Yogyakarta zu reisen. Auf diese Weise wurde ein fließender personeller Übergang zwischen den einzelnen Projekten und Tandems bzw. Teams geschaffen.

Die Themen, mit denen die Teams sich beschäftigten, wurden von den Indonesiern ausgewählt. Dies erwies sich als sinnvoll, da sie diejenigen Bereiche aussuchten, die ihnen bei ihrem ersten Besuch im Ausland und in Europa am auffallendsten und interessantesten, teils auch am merkwürdigsten, erschienen. Für die Deutschen dagegen handelte es sich um sehr alltägliche Themen, die ihnen zunächst kaum untersuchenswert vorkamen.
Die bearbeiteten Forschungsthemen waren:

• Die Bedeutung des Fahrradfahrens für Deutsche
• Die Bedeutung von Bier für Deutsche
• Die Verbindung von Kleidung und Identität deutscher Studentinnen
• Traditionelle Märkte in Freiburg
• Biobauern in der Umgebung von Freiburg
• Deutsch-indonesische Ehen

Alle indonesischen Studierenden fertigten im Anschuss an den Feldforschungsaufenthalt wissenschaftliche Berichte über ihre Ergebnisse an. Nach deren Überarbeitung und ergänzt durch mehrere einführende Kapitel wurden diese 2006 als erstes indonesischsprachiges Buch von indonesischen AnthropologInnen über Aspekte der europäischen Kultur publiziert: Judith Schlehe/ Pande Made Kutanegara (eds): Budaya Barat dalam Kaja Mata Timur. Pengalaman dan hasil penelitian antropologis di salah satu kota di Jerman [Westliche Kultur aus östlicher Perspektive. Erfahrungen u. Ergebnisse ethnologischer Forschung in einer deutschen Stadt]. Jogjakarta: Pustaka Pelajar 2006 (mit Beiträgen von 6 Studierenden, einem Vorwort des Dekans der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Gadjah Mada Universität, einem Beitrag von Dr. Irwan Abdullah und Einleitungskapitel von J. Schlehe und Pande Made Kutanegara).

Dieses Buch wurde auf Indonesisch veröffentlicht, da es den Beteiligten wichtig erschien, die Ergebnisse ihrer Arbeit über die deutsche Kultur einer indonesischen Leserschaft vorzustellen, und zwar aus folgendem Grund:
Die inhaltliche Gemeinsamkeit der Forschungsergebnisse bestand darin, dass die in Indonesien weit verbreiteten Bilder vom „Westen“, von Fortschritt, Modernität, Wohlstand und gutem Leben (Images, von denen auch die forschenden indonesischen Studierenden zunächst ausgingen), durch die Empirie weitgehend dekonstruiert wurden. Vor dem Hintergrund der entgegen gesetzten Erwartungen sind v.a. folgende Ergebnisse für Indonesier überraschend: Deutsche fahren auch dann Fahrrad, wenn sie ein Auto besitzen; sie trinken Alkohol v.a. um der Geselligkeit willen; Studentinnen messen Kleidung und Mode keine sonderlich große Bedeutung zu; Freiburger kaufen auf Bauernmärkten ein, obwohl sie es sich leisten könnten, in Supermärkte zu gehen, und sie schätzen lokale Produkte; Biobauern geht es nicht nur ums Geschäft, sondern um die Umwelt; in deutsch-indonesischen Ehen gibt es interkulturelle Konflikte, auch wenn die materielle Absicherung gegeben ist.

Diese Ergebnisse sind aber nicht nur für Indonesier aufschlussreich bzgl. ihrer Konzeptionen eines wohlhabenden Westens, sondern sie zeigen auch den Deutschen, wie sie wahrgenommen werden, mit welchen Erwartungen ausländische Studierende oder MigrantInnen nach Deutschland kommen, und wo die Ursachen von Missverständnissen liegen mögen. Insofern können sie auch der beidseitigen Verständigung dienen.