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Lehrforschung in Yogyakarta 2004

 

Im Sommer 2004 führte Prof. Judith Schlehe mit einer Gruppe von 16 Studentinnen und Studenten des Freiburger Instituts für Völkerkunde eine Lehrforschung auf Java (Indonesien) durch. Das Besondere daran war, dass nicht nur über aktuelle gesellschaftliche Probleme in Indonesien geforscht wurde, sondern dass dies gemeinsam mit Indonesiern geschah: Die 16 Freiburger Studierenden arbeiteten 6 Wochen lang mit 16 EthnologiestudentInnen der Gadjah Mada Universität in Yogyakarta zusammen. Dabei wurde besonderer Wert darauf gelegt, dass die Indonesier nicht - wie sonst üblich - zu Assistenten der deutschen EthnologInnen wurden, sondern dass eine gleichberechtigte interkulturelle Kooperation entstand. Bereits im Vorfeld waren per e-mail 16 verschiedene Forschungsthemen festgelegt worden, die dann vor Ort von Zweierteams, jeweils bestehend aus einer oder einem Deutschen und einer Indonesierin bzw einem Indonesier, bearbeitet wurden. Das Ziel dieser Unternehmung bestand also nicht nur in der praktischen Erprobung theoretischer und methodischer Kenntnisse, sondern v.a. auch darin, bereits während des Studiums intensive professionelle wie auch persönliche Erfahrungen in internationaler und interkultureller Zusammenarbeit zu machen. Diese werden sowohl den deutschen als auch den indonesischen Studierenden in ihrem späteren Berufsleben und in einer globalisierten Welt von großem Nutzen sein. 
 

Vorbereitung in Freiburg


Die Freiburger Studierenden wurden sowohl durch inhaltliche und methodische Seminare sowie Gastvorträge auf diese Unternehmung vorbereitet, als auch durch einen 2semestrigen Indonesisch-Sprachkurs bei einer erfahrenen indonesischen Sprachlehrerin (Sien Brüstle). Darüber hinaus kam es aber auch bereits in der Vorbereitungsphase zu bemerkenswertem interkulturellem Austausch: Um das Projekt finanziell zu unterstützen, organisierten in Freiburg lebende Indonesier und Indonesierinnen gemeinsam mit den deutschen Studierenden einen Kulturabend mit einem Gamelanorchester, mit Tänzen, Liedern, einer Vorführung von traditioneller Kleidung verschiedener ethnischer Gruppen sowie mit indonesischen Gerichten. Ob sich wohl schon jemals zuvor Angehörige der untersuchten Gesellschaft so aktiv dafür engagierten, dass deutsche EthnologInnen in ihr Land reisen können?

Zum Abschluss der Vorbereitungsphase wurden - um der wissenschaftlichen Systematisierung willen und um Projektplanung in allen Schritten kennen zu lernen und einzuüben - für alle vorgesehenen Forschungsthemen Anträge nach den Richtlinien der Deutschen Forschungsgemeinschaft verfasst. Diese waren freilich nur bei der Dozentin abzugeben. 
 

Forschungsthemen


Bei der Auswahl der Themen wurde darauf geachtet, dass sie einerseits keine sehr sensiblen Bereiche berühren (immerhin handelte es sich primär um Forschung zu Übungszwecken), andererseits von aktueller gesellschaftlicher Relevanz sein sollten und schließlich, dass sie in der relativ kurzen Zeit, mit begrenzten finanziellen Mitteln und in interkulturellen Teams zu erfassen sein mussten. Ein weiteres Kriterium war, dass die Distanz zu den untersuchten Gruppen nicht übermäßig groß sein sollte, damit in den Begegnungen und Gesprächen ein gegenseitiger Austausch zwischen Forschenden und Erforschten stattfinden konnte. Fragestellungen im Bereich von Interkulturalität bildeten insofern einen Schwerpunkt, als sich hier Eigenes und Fremdes in dynamischer Weise durchdringt und zu neuen kulturellen Formen führt.
Die untersuchten Themen lassen sich folgendermaßen unterteilen:
Im Bereich interkulturelle Kommunikation wurde das Zusammenleben in bikulturellen Ehen in Indonesien untersucht, die Rückkehrerfahrungen von indonesischen AbsolventInnen europäischer Hochschulen, und die Identitätskonzepte europäischer KünstlerInnen in Yogyakarta. Weitere Themen waren die Zusammenarbeit zwischen indonesischen und internationalen Hilfsorganisationen für Straßenkinder, und der Verkauf von javanischem Kunsthandwerk an ausländische Touristen. Und nicht zuletzt wurde die interkulturelle Zusammenarbeit und Kommunikation im Rahmen dieser Lehrforschung dokumentiert und analysiert.
Im Bereich von Religion und Politik ging es um die religiöse und soziale Identität von Indonesiern hadhramitischer Abstammung, um den Diskurs über die Wahlen im Jahr 2004, und um Identitätsbildung unter Politikerinnen auf Java.
Zum Thema Gender wurde über Diskurse zur romantischen Liebe geforscht, sowie über Weiblichkeitskonzepte in der globalisierten Underground Szene in Yogyakarta.
Problemen der Umwelt wurde hinsichtlich des Umgangs mit Müll, der Umweltbildungsprogramme von NGOs, sowie der Praxis von "Naturtourismus" nachgegangen.
Fragen der Gesundheit wurden in Zusammenhang mit traditionellen Kräuterheiltränken im Verhältnis zu moderner Medizin, und bezüglich der Bedeutung von Bienenhaltung und Bienenprodukten auf Java behandelt. 
 

Durchführung in Yogyakarta


Nachdem ein Teil der deutschen Studierenden einen ergänzenden Intensivsprachkurs in Yogyakarta absolviert hatte, bildete den eigentlichen Auftakt der Lehrforschung ein 3tägiger Eröffnungsworkshop an der Gadjah Mada Universität für alle deutschen und indonesischen Studierenden, bei dem unter der gemeinsamen Leitung der beteiligten indonesischen Dozenten und Frau Schlehe die anvisierten Themen durchgesprochen und die Fragestellungen konkretisiert wurden. Darauf folgte die erste, explorative Feldforschungsphase, in der die indonesisch-deutschen Zweierteams selbständig Informanten und Forschungsorte suchen mussten. Nach einer Woche wurden in einem zweiten Workshop der Zugang zum Feld, die Methoden und die ersten Erfahrungen besprochen, und in manchen Fällen wurden entsprechende Modifikationen des Forschungsfokus vorgenommen. Danach wurde drei Wochen lang intensive Feldarbeit durchgeführt, während der die Teams wieder auf sich gestellt waren und je nach Thema in unterschiedlicher Gewichtung mit einer Kombination aus qualitativen Interviews und Gesprächen, teilnehmender Beobachtung und eher quantitativ orientierten Methoden (wie z.B. Fragebogen) arbeiteten. Regelmäßige Sprechstunden an der Universität und ein jour fixe garantierten die Supervision, den Austausch und aktuelle Problemlösungen während dieser Phase.

In einem abschließenden Workshop wurden dann die vorläufigen Ergebnisse präsentiert und die Auswertungsansätze besprochen. Es wurde vereinbart, dass die indonesischen und die deutschen Studierenden im Rahmen von Auswertungsseminaren in Freiburg und Yogyakarta ihre ausführlichen Forschungsberichte schreiben, die dann ggf. zu einer gemeinsamen Publikation führen sollen. 
 

Ergebnisse und Erfahrungen


Die inhaltlichen Resultate der einzelnen Forschungen wurden im WS 04/05 in der Ausstellung "Der doppelte Blick. Ethnologische Forschungen deutscher und indonesischer Studierender auf Java" im Uniseum Freiburg präsentiert. Dies bot eine Möglichkeit, die vielfältigen sinnlichen Eindrücke der Feldforschung zu vermitteln.

Sowohl die indonesische als auch die deutsche Seite zeigte sich begeistert für den innovativen, interkulturellen Projektansatz. Das Engagement der Beteiligten war in allen Arbeitsphasen ungewöhnlich hoch, und die erbrachten Leistungen der Studierenden sind beachtlich: Ethnologische Feldforschung erfordert hohen persönlichen Einsatz, kulturelle Sensibilität und professionelle wie menschliche interkulturelle Kompetenz im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Forschenden und Erforschten. In diesem Projekt waren darüber hinaus in den Zweier-Arbeitsteams zwischen den deutschen und indonesischen Forschenden fundamental unterschiedliche Bildungs- und Fachkulturen zu überbrücken, verschiedene Arbeitsstile, Alltagsgewohnheiten, kulturelle Werte, Wissensbestände und methodische Ansätze zusammen zu bringen und nicht zuletzt mussten unterschiedliche Persönlichkeiten zusammen finden. In den meisten Fällen verlief die Zusammenarbeit von Anfang an gut. Dies ist zweifellos auf die hohe Toleranz, die Offenheit für Neues und den Lernwillen auf beiden Seiten zurückzuführen. Die Schwierigkeiten, die sich zwischendurch ergaben, waren durch ein sorgfältiges Ausbalancieren zwischen gegenseitiger Anpassung und Akzeptanz von Verschiedenheit immer lösbar. Eines der Forschungsthemen bezog sich unmittelbar auf die Dokumentation eben dieser Prozesse innerhalb des Projektes (s.o.), und es ist zu hoffen, dass die Ergebnisse anderen internationalen Projekten zugute kommen werden.

Allerdings ergaben sich Probleme eher unerwarteter Art: In nicht wenigen Fällen wurden die Forschungsprozesse unterbrochen und durch schwere Erkrankungen der deutschen Studierenden beeinträchtigt. Eine Studentin musste gar per Spezialjet nach Singapore ausgeflogen werden. Darin zeigte sich nicht nur der hohe Einsatz, den ethnologische Forschung fordern kann, sondern vielleicht auch, dass der intensive Arbeitsstil und hohe Leistungswillen der Deutschen - der die indonesischen Projektpartner zuweilen erschreckt, zuweilen auch begeistert hat - nicht unbedingt den Bedingungen in einem tropischen Land entsprechen.

Beim abschließenden Workshop wurde erwartungsgemäß bestätigt, dass in vielen Fällen die zur Verfügung stehenden 6 Wochen zu kurz waren, um intensive, auf menschlicher Nähe beruhende teilnehmende Beobachtung durchzuführen und um wirklich bahnbrechende Forschungsergebnisse zu erzielen. Dies kann nicht das Ziel einer Lehrforschung sein. Die deutschen Studierenden bekamen vielmehr einen Eindruck vom Sinn der klassischen Gepflogenheit des Faches Ethnologie, für eine Feldforschung in einer unvertrauten Kultur ein ganzes Jahr vorzusehen. Denn es geht nicht nur darum, Daten zu sammeln, sondern auch zu lernen, sie aus der Perspektive der Untersuchten heraus zu verstehen und in kulturellen Kontexten zu verorten. Dies ist unerlässlich, um Denken und Handeln in anderen Kulturen nachzuvollziehen und um die Komplexität aktueller Globalisierungsprozesse erfassen und vermitteln zu können. Unser Projekt bot hierfür einen Einstieg, dessen zukunftsträchtiges Potenzial v.a. auch darin liegt, dass es auf gleichberechtigter Zusammenarbeit von Deutschen und Indonesiern beruhte. Dazu würde nun freilich im nächsten Schritt gehören, dass die indonesischen EthnologiestudentInnen nach Freiburg eingeladen würden, um hier Feldforschung durchzuführen. Wir hoffen, dass wir dafür ebenso großzügige Unterstützung finden können wie für die diesjährige Lehrforschung, die nicht möglich gewesen wäre ohne die finanzielle Hilfe von Seiten
  •     der Universität Freiburg, Alumni Freiburg und Verband der Freunde der Universität Freiburg
  •     der Stiftung Mercator

Dafür danken wir ganz herzlich.

 

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Abb. 1: Als Abschiedsgeschenke erhielten die deutschen Studierenden T-shirts mit Aufdruck zum 40. Jahrestag der Gründung der Abteilung für Ethnologie (Antropologi), die heute zur Kulturwissenschaftlichen Fakultät (Fakultas Ilmu Budaya) der Gadjah Mada Universität in Yogyakarta gehört (Foto: H. Weber).

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Abb. 2: Bei einer Zeremonie an der Südküste wurden die Geister Javas um gutes Gelingen für die Lehrforschung gebeten (Foto: S. Harkort).