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Neuer Beitrag zur Wissenschaftskommunikation

Beiträge von Dozent*innen und Studierenden des Instituts für Ethnologie der Universität Freiburg:

Stellungnahme zu:

Saurer, Michael. 2021. Darstellung schwarzer Menschen im Europa-Park sorgt für Kritik. Abgerufen am 27.09.21 (https://www.badische-zeitung.de/darstellung-schwarzer-menschen-im-europa-park-sorgt-fuer-kritik).

 

Judith Schlehe und Tina Brüderlin

Erklärung zum Hintergrund

Dieser Artikel in der Badischen Zeitung vom 10.September 2021 bezieht sich auf eine Seminararbeit zweier Studierender des Ethnologischen Instituts der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Das Seminar trug den Titel „Selbst-und Fremdrepräsentation - Ethnographische Erkundung zu Exotisierung und Dekolonisierung im gegenwärtigen Freiburg“ und fand im Wintersemester 2019/2020 unter der gemeinsamen Leitung von Judith Schlehe (Professorin für Ethnologie an der Universität Freiburg) und Tina Brüderlin (Leiterin der Ethnologischen Sammlung des Museums Natur und Mensch, Städtische Museen Freiburg) statt. Eines der Seminarziele war, dass die Studierenden auf der Grundlage kleiner empirischer Forschungen – eben „ethnographischer Erkundungen“ – Ausstellungsmodule entwickeln sollten. Diese waren dafür gedacht, möglicherweise in eine interdisziplinäre Sonderausstellung zum Thema „Freiburg und Kolonialismus: Gestern? Heute!“ der Städtischen Museen Freiburg Eingang zu finden, welche ursprünglich für 2021 geplant war und Pandemie-bedingt aktuell auf 2022 verschoben werden musste.

Die Studierenden wählten unterschiedliche Themen, die sie während des Seminar erarbeiteten und als Ausstellungsmodul skizzierten, um zu reflektieren, in welchen Bereichen unseres gegenwärtigen Alltags koloniale Spuren zu finden sein mögen. Sie untersuchten Darstellungs- und Nutzungsformen von „Fremdem“ aus dem Bereich des Konsums, der Populärkultur, der Freizeit oder auch im Bildungsbereich. Entsprechend der ethnographischen Methodik bemühten sie sich vor allem auch darum, die Stimmen der Akteur*innen einzufangen, das heißt, herauszufinden, was verschiedene Menschen (Produzierende, Rezipierende, Konsumierende) dazu denken, sagen, wie sie sich verhalten und selbst dazu in Bezug setzen. Auch die Selbstreflexion nahm hier einen wichtigen Stellenwert ein. Alle Teilnehmenden wurden dafür sensibilisiert, wie häufig beispielsweise in der Werbung, in der Ausstattung von Restaurants, in wohlmeinenden Kinderbüchern nicht etwa Interesse an kultureller Pluralität und Begegnung geweckt wird, keine Auseinandersetzungen und interessierten Fragen stimuliert, sondern (meist abwertende, teils auch sexistische) Stereotype vermarktet und stabilisiert werden.

Zwei Studierende, Sophia Hiss und Leon Mogk, widmeten sich in ihrer Arbeit dem Themenbereich ‚Abenteuerland‘ des Europaparks. Dies schließt sich auch an eine DFG Forschergruppe der Universität Freiburg zu „Historischen Lebenswelten in populären Wissenskulturen der Gegenwart“ an, in deren Rahmen Judith Schlehe Kulturen als Kulissen und die gegenseitige Bespiegelung in verschiedenen Ländern erforschte (vgl. „Staging the Past. Themed Environments in Transcultural Perspectives”. Hrsg. Schlehe u.a., Bielefeld: transcript 2010). Die beiden Studierenden fokussierten das Fahrgeschäft der ‚Dschungelfloßfahrt‘ im Europapark. Diese Fahrt führt an weißen Kolonialherren in Tropenkleidung und buntgekleideten schwarzen Menschen, üppigen tropischen Märkten und wilden Tieren vorbei, sie bietet Exotik pur, normalisiert und verharmlost koloniale Hierarchien und reproduziert orientalistische Bilder von ‚traditionellen Kulturen‘, an denen die Besucher*innen sich ergötzen können. Mag man das wirklich als harmlose Freizeitunterhaltung abtun? Viele Kultur- und Bildungseinrichtungen, insbesondere Museen, bemühen sich derzeit um eine Aufarbeitung der kolonialen deutschen Vergangenheit – kann ein Themenpark, mit seinen Millionen Besuchern, dem so eklatant entgegen stehen? Freilich, auch europäische Kulturen werden im Europapark klischeehaft inszeniert und homogenisiert – aber niemand käme auf die Idee, dort beispielsweise die Zeit des Nationalsozialismus zu Unterhaltungszwecken zu verniedlichen. Warum also den Kolonialismus?

In ihrer Seminararbeit nahmen Sophia Hiss und Leon Mogk in vorbildlicher Weise eine ethnologische Perspektive ein, indem sie nicht ihre eigene kritische Haltung in den Vordergrund stellten, sondern der Frage nachgingen, wie die Besucher*innen des Parks die Dschungelfahrt wahrnehmen. Die Studierenden suchten das Gespräch, nahmen an unzähligen Fahrten teil und produzierten einen Film, in dem die große Bandbreite der Stimmen zum Ausdruck kommt. Der Film, der in ein Modul der Ausstellung aufgenommen werden sollte, zeigt die Floßfahrt, wie die Besuchenden sie erleben, und ist begleitet von den Kommentaren und Reflexionen der Besuchenden zu dem Gesehenen und Erlebten. Leider wird dieser Film in der kommenden, oben genannten „Freiburg und Kolonialismus“ Ausstellung nicht zu sehen sein, da der Europapark die Bildrechte nicht erteilte. Daraufhin wandten die beiden Studierenden sich an die Badische Zeitung. Nach Erscheinen des Artikels wurden sie mit einer Flut von kritischen bis aggressiven und verletzenden Kommentaren in den Sozialen Medien überhäuft. Nicht wenige dieser Kommentare zeugen vom Rassismus ihrer Autor*innen und von mangelnder Sensibilität und für (neo)koloniale Strukturen. So bedauerlich es ist, dass dies geschehen kann, wenn Ethnolog*innen ihre Arbeit öffentlich sichtbar machen, so sehr bestärkt es uns auch darin, dass es wichtig und lohnend ist, unsere eigene Alltags-, Konsum- und Freizeitwelt zu untersuchen, Bilder und Vorstellungen immer wieder neu zu hinterfragen, darüber ins Gespräch zu kommen und sie in strukturelle Kontexte und politische Diskussionen einzuordnen. Die Diskursform in Sozialen Medien scheint uns dazu allerdings sehr wenig geeignet, sie wäre eher eine eigene Untersuchung wert.

 

Weitere Beiträge

Eine laufend aktualisierte Liste von wissenschaftlichen Beiträgen von Dozierenden des Instituts in der öffentlichen Debatte finden Sie auch unter:

https://www.ethno.uni-freiburg.de/de/ethnofr/ethnologie-und-oeffentlichkeit-neuere-beitraege-zur-wissenschaftskommunikation